VORWORT von Peter Horst Neumann: Als Gedichte noch Lieder waren

Im Titel unseres Festspiels stehen mit Lied&Lyrik zwei Worte zusammen, bei denen man fragen darf, ob sie nicht eins und dasselbe bezeichnen. Wo Lieder erklingen, werden doch wohl Gedichte gesungen, und besonders das Klavierlied, wie es sich durch Beethoven und Schubert als kammermusikalische Gattung etablierte – „le Lied“, wie die Franzosen es nennen –, war lange eine bevorzugte Aufführungspraxis der Poesie. Das galt noch bis zum Anfang des vorigen Jahrhunderts, bis zum Beginn der Moderne. Von da an gingen Musik und Gedicht auf sich voneinander entfernenden Wegen

Die Musik gab bei ihrem Eintreten in die Moderne Harmonie und Kadenz und mit diesen zugleich ihre traditionelle Singbarkeit weitgehend preis, Dissonanz und Geräusch wurden zu gleichberechtigten Ausdrucksmitteln. Die Poesie aber entfernte sich unter demselben Zeitgeistgesetz der Moderne von ihren metrischen und strophischen Regularien und Üblichkeiten, sie ließ den Reim immer seltener klingen, näherte sich der Prosa an und war nun nicht mehr jene „Sangverslyrik“, als die sie sich einst der Musik in die weitgeöffneten Arme warf. „Lyrik“ aber blieb bis heute der Gattungsname für Gedichte, ein Wort, das an eine poetische Ur-Zeit erinnert, in welcher die Dichter, vielleicht, ihre Verse zur orphischen Lyra sangen.

Aus diesem dichtungsgeschichtlichen Vorverständnis haben sich die Poeten bis an die Schwelle zur Moderne immer wieder emphatisch als Sänger verstanden, selbst wenn sie dazu musikalisch schon lange nicht mehr gerüstet waren. Klopstock und Hölderlin, Eichendorff und Heine, der das „Buch der Lieder“ schrieb, bis hin zu Rainer Maria Rilke, dem Dichter der Orpheus-Sonette – sie alle standen in dieser auf die Musik bedachten literarischen Tradition: der Dichter ein Sänger, das Dichten ein Singen, Gedichte gleich Lieder.

Und Friedrich Rückert? Sollte ausgerechnet er hier vergessen worden sein? O nein. Nicht nur, weil wir in Oberfranken sind, wo er zu Hause war und wo man sein Andenken pflegt, muß er an dieser Stelle mit Zuneigung und hohem Respekt hervorgehoben werden. Seit 1823, als Franz Schubert fünf Gedichte aus seinem Gedichtband „Östliche Rosen“ komponierte, war Rückert einer der meist- und bestvertonten Lyriker des 19. Jahrhunderts, bis hin zu Gustav Mahlers zehn Rückert-Gesängen, von denen fünf den Tod zweier Kinder betrauern. Daß Rückert nach einer jahrzehntelangen Vernachlässigung seine erneut hohe Wertschätzung als Dichter – denn sein Ruhm als Sprachengelehrter war bis in den fernsten Orient stets ungebrochen – zu einem guten Teil Mahlers Kompositionen verdankt, einer Musik, die im Nachkriegs-Deutschland, aus anderen Gründen, ebenfalls einmal wiederzugewinnen war – das ist ein anrührender Sonderfall in der gemeinsamen Geschichte von Musik und Literatur. Unter dem Eindruck von Mahlers Rückert-Vertonungen hat uns Hans Wollschläger die erste vollständige Ausgabe der „Kindertodtenlieder“ geschenkt – dankbar sei es erwähnt.

Daran werden uns Thomas Hampson und Wolfram Rieger im ersten Lieder-Abend des Festspiels Lied&Lyrik erinnern. Wenn neben anderen Liedern dann auch das Rückert-Gedicht „Blicke mir nicht in die Lieder“ erklingt, sollten wir mitbedenken, daß dies Verse aus einer fernen Epoche sind, in der sich Musik und Poesie oft so nahe standen, daß die Dichter sich selbstbewußt Sänger nannten. Da waren Lyrik und Lied noch beinahe eins, was sie nun aber schon längst nicht mehr sind; „es hat seine Gründe“.


Peter Horst Neumann, der dieses Geleitwort zu Lied Lyrik verfaßt hat, ist völlig unerwartet am 27. Juli in Nürnberg verstorben. Er war seit 2004 Direktor der Abteilung Literatur der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und hat viele Veranstaltungen der Akademie besonders in Verbindung mit der Friedrich-Baur-Stiftung in Oberfranken wesentlich mitgetragen. Seinen Eröffnungsvortrag hat mit demselben Titel sein langjähriger Freund Peter Gülke übernommen.

Dieter Borchmeyer , Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
Katja Schaefer , Generalsekretärin der Bayerischen Akademie der Schönen Künste

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